Dezember 2019

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ENERGIE-CHRONIK


 


Genauso ambitioniert wie vage mutet vorläufig der "Europäische Grüne Deal" an, wie ihn diese EU-Grafik zu veranschaulichen versucht. Immerhin wird klar, dass die EU notgedrungen den weltweiten Vorreiter bei der Minderung der CO2-Emissionen machen will, nachdem die USA den Rückzug aus dem Pariser Abkommen beschlossen haben und zum größten Bremser beim Klimaschutz geworden sind.

EU-Kommission will "Green Deal" in europäischem Klimagesetz verankern

Knapp zwei Wochen nach ihrem Amtsantritt hat die neue EU-Kommission am 11. Dezember ein Papier zum "European Green Deal" vorgelegt. Mit diesem Schlagwort umreißt sie neuerdings das politische Ziel, "Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen". Unter anderem kündigt sie in ihrer Mitteilung an, bis März ein "europäisches Klimagesetz" vorzulegen, um dieses Ziel in den Rechtsgrundlagen der Gemeinschaft zu verankern.

Mit ihrem "europäischen Grünen Deal", wie die halbschiefe Übersetzung ins Deutsche lautet (siehe Hintergrund), will die Kommission den Bürgern der EU verdeutlichen, "dass die Bewältigung klima- und umweltbedingter Herausforderungen die entscheidende Aufgabe dieser Generation ist". Mit jedem Jahr steige die Temperatur der Atmosphäre und verändere sich das Klima. Von den acht Millionen Arten auf dem Planeten drohe eine Millionen zu verschwinden. Wälder und Ozeane würden verschmutzt und zerstört.

Wirtschaftswachstum soll von Ressourcennutzung abgekoppelt werden

Der "europäische Grüne Deal" sei die Antwort darauf. Es handele sich um eine neue Wachstumsstrategie, mit der die EU zu einer fairen und wohlhabenden Gesellschaft mit einer modernen, ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaft werden soll, in der im Jahr 2050 keine Netto-Treibhausgasemissionen mehr freigesetzt werden und das Wirtschaftswachstum von der Ressourcennutzung abgekoppelt ist.

Dieser Übergang werde wesentliche Veränderungen mit sich bringen. Deshalb sei eine aktive, vertrauensvolle Beteiligung der Öffentlichkeit von entscheidender Bedeutung. Es sei "ein neuer Pakt nötig, der die Bürgerinnen und Bürger in all ihrer Vielfalt eint und in dessen Rahmen die nationalen, regionalen und lokalen Behörden, die Zivilgesellschaft und die Industrie eng mit den Organen und beratenden Einrichtungen der EU zusammenarbeiten".

Umlenkung der Kapitalströme in Klima- und Umweltmaßnahmen

Die EU stehe nun vor der Aufgabe, ihre Wirtschaft und Gesellschaft auf einen nachhaltigeren Weg zu bringen. Die angestrebten Emissionsminderungen erforderten "massive öffentliche Investitionen und verstärkte Bemühungen, um privates Kapital in Klima- und Umweltmaßnahmen zu lenken und gleichzeitig die Abhängigkeit von nicht nachhaltigen Praktiken zu vermeiden". Die EU müsse eine führende Rolle bei den internationalen Bemühungen um ein Finanzsystem übernehmen, das weltweit nachhaltige Lösungen fördert. Die dabei getätigten Investitionen böten zugleich die Chance, "Europa auf einen neuen Weg hin zu nachhaltigem und integrativem Wachstum zu bringen".

Bis zum Sommer will die Kommission einen Plan vorlegen, wie sich die bisherigen Treibhausgas-Minderungsziele der EU, die bis 2030 eine Reduktion um 40 Prozent gegenüber 1990 vorsehen, "auf mindestens 50 Prozent und angestrebte 55 Prozent" anheben lassen. Um diese zusätzliche Verringerung der Treibhausgasemissionen zu erreichen, wird sie "bis Juni 2021 alle einschlägigen klimabezogenen Politikinstrumente überprüfen und gegebenenfalls eine Überarbeitung vorschlagen". Dazu gehört vor allem das Emissionshandelssystem einschließlich dessen möglicher Ausweitung auf neue Sektoren. Überprüft werden ferner die verpflichtenden Zielvorgaben der Mitgliedstaaten für die Verringerung der Emissionen in jenen Sektoren, die nicht unter das Emissionshandelssystem fallen, sowie die 2018 erlassene Verordnung über Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft. Das jetzt geplante Klimagesetz soll entsprechend aktualisiert werden.

 

Links (intern)

 


Hintergrund

"Der europäische Grüne Deal" – ein dümmlicher Anglizismus


Nach vollzogenem Brexit werden englische Muttersprachler innerhalb der Europäischen Union nur noch eine kleine Minderheit sein. Unabhängig davon bleibt Englisch aber die wichtigste der drei sogenannten Arbeitssprachen, weil die meisten EU-Dokumente erst einmal auf Englisch verfaßt werden, bevor sie auch in französischer und deutscher Sprache erscheinen. Das liegt daran, dass sich die Bürokraten und Politiker der Europäischen Union untereinander vor allem auf Englisch oder allenfalls auf Französisch verständigen. Deutsch spielt dagegen eine drittrangige Rolle, obwohl es innerhalb der EU die meistgesprochene Sprache ist. Nach dem Brexit tritt also der kuriose Zustand ein, dass Englisch faktisch als sprachliche Matrix für Gesetze, Verlautbarungen und sonstige EU-Texte dient, obwohl in den jetzt noch 27 Ländern der Gemeinschaft kaum jemand in dieser Sprache zuhause ist und nur wenige sie tatsächlich mühelos beherrschen.

Wohin das führen kann, zeigt anschaulich der dümmliche Anglizismus "Der europäische Grüne Deal", mit dem die vom 11. Dezember datierte Mitteilung der Kommission in ihrer deutschen Fassung überschrieben ist (siehe oben). Es handelt sich dabei um eine mißglückte Übersetzung des englischen Begriffs "European Green Deal", der selber fragwürdig ist, weil das Wort Deal schon im Englischen – je nach Kontext – einen anrüchigen Beigeschmack hat. Im Deutschen ist es als Anglizismus aber noch negativer konnotiert. Hier verwendet man es hauptsächlich für zweifelhafte Absprachen, die früher als "Kuhhandel" bezeichnet worden wären. Schlimmstenfalls kommt einem der "Dealer" in den Sinn, der die Drogenszene mit Nachschub versorgt.

Der designierten deutschen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hätte dieser Ausdruck deshalb sauer aufstoßen müssen, als sie am 10. September den "European Green Deal" als das wichtigste Projekt ihrer Amtszeit vorstellte. Zumindest hätte sie die schiefe Übersetzung "Grüner Deal" verhindern müssen, die für deutsche Ohren nach einem dubiosen Schachzug der Grünen oder einem unsauberen Geschäft zu Lasten der Umwelt klingt. Schließlich will die EU-Kommission keinen Kuhhandel vorschlagen, sondern die leuchtende Vision einer Europäischen Gemeinschaft beschwören, die weltweit den Vorreiter beim Klimaschutz macht. Was veranlaßt sie also, dieses hehre Vorhaben in derart ungeschickter Weise vorzustellen? Wie kommt sie ausgerechnet auf das Wort "Deal", dessen schillernder Assoziationsgehalt sich in keine andere Sprache übersetzen lässt?

Tatsächlich ist die deutsche Version der EU-Mitteilung die einzige, in der das Wort "Deal" umstandslos aus der englischen Fassung übernommen wird. Außerdem taucht es noch in der niederländischen und italienischen Fassung auf. Hier wird dann freilich der Ausdruck "Green Deal" als Ganzes übernommen ("de europese Green Deal" bzw. "il Green Deal europeo"). Ferner wird er durch Großschreibung als begrifflicher Fremdkörper aus dem Englischen kenntlich macht. Nur die deutsche Fassung tut so, als ob es sich bei "Deal" um einen Ausdruck handele, der keiner weiteren Erklärung bedürfe. Nur hier erfolgt ein derart radikaler Griff in die Ramschkiste der Anglizismen. Dabei sind die Englischkenntnisse der Niederländer sicher besser als die der Deutschen.

In den restlichen zwanzig Amtssprachen der EU taucht "Deal" überhaupt nicht auf. Die Übersetzer fanden auch keinen deckungsgleichen Begriff in der jeweiligen Landessprache. Ersatzweise verwendeten sie meistens ein Wort, das vom lateinischen "pactus" (Übereinkunft bzw. Vertrag) abgeleitet ist. Zum Beispiel wurde aus dem "European Green Deal" auf französisch "le pacte vert pour l'Europe" . Auf spanisch heisst er"el Pacte Verde Europeao", auf portugiesisch "o Pacto Ecologico Europeu", auf dänisch "den europaeiske gronne pakt" oder auf rumänisch "Pactul ecologic european". Auch auf englisch wäre es sicher sinnvoller gewesen, von einem "green pact" zu sprechen. Ebenso auf deutsch – falls tatsächlich nur ein "grüner Pakt" gemeint gewesen sein sollte.

EU-Kommission will auf Roosevelts "New Deal" anspielen, ohne dies allzu deutlich werden zu lassen


Klima-Demonstranten am 19. März 2019 in San Francisco: Ihre Forderung nach einem "Green New Deal" ist weltweit verständlich und wird auch von europäischen Umweltschützern geteilt. Die EU-Kommission hat sie jedoch zum "Grünen Deal" verkürzt und damit ihres eigentlichen Sinns beraubt.
Foto: Wikipedia

Weshalb dann "Green Deal"? Was mag die EU-Bürokraten bewogen haben, ausgerechnet diesen affektierten Ausdruck zu nehmen, der sich in keine andere Sprache übersetzen lässt? Haben sie sich überhaupt etwas dabei gedacht?

Ja, das haben sie. Das Rätsel löst sich nämlich, wenn man dem unansehnlichen Torso "Green Deal" noch ein kleines Wort hinzufügt, so dass daraus ein "Green New Deal" wird. – Schon verwandelt sich das häßliche Entlein in einen schönen Schwan. Es bedarf sogar nicht einmal großer Englischkenntnisse, um weltweit den Sinn dieses Ausdrucks zu verstehen. Man muss nur in der jüngeren Geschichte etwas bewandert sein. Das ist nun allerdings keineswegs selbstverständlich. Als sinnfälliges Beispiel kann der Begriff "Schwarzer Freitag" dienen, der in Europa seit 1929 für den Beginn der Weltwirtschaftskrise verwendet wird. Inzwischen ist er für die meisten Menschen so verblasst oder noch nie vorhanden gewesen, dass es der Einzelhandelswerbung tatsächlich gelungen ist, den aus den USA importierten "Black Friday" auch hierzulande als "Schwarzen Freitag" mit Schnäppchen-Preisen zu propagieren.

Der "New Deal", mit dem der neue US-Präsident Franklin D. Roosevelt vier Jahre nach dem "Schwarzen Freitag" auf die fortdauernde Weltwirtschaftskrise reagierte, war anfangs nicht mehr als ein unverbindliches Wahlversprechen. Es handelte sich um ein vages Schlagwort wie das "Yes, we can" von Barack Obama, das allzu große Hoffnungen weckte. Roosevelt ist es dagegen tatsächlich gelungen, dem US-Kapitalismus und seiner marktradikalen Ideologie die allerschlimmsten Giftzähne zu ziehen. Seine sozialen Reformen im Innern schufen die Grundlage dafür, dass die USA nach außen erfolgreich die Anti-Hitler-Koalition anführen und ihr zum Sieg verhelfen konnten. Roosevelt war das genaue Gegenteil jenes Kretins, der gegenwärtig als US-Präsident amtiert.

Die EU hat sich ähnliches vorgenommen, wenn sie nun weltweit den Vorreiter beim Klimaschutz machen möchte, ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum ohne Ressourcenvergeudung anstrebt oder das Finanzsystem so umbauen möchte, dass nicht nur die Plutokratie davon profitiert. Das sind durchweg löbliche Vorsätze. Damit gelänge eine Großtat, die sich mit Roosevelts "New Deal" vergleichen lässt. Mit etwas anderen Vorzeichen freilich, was die Rolle der USA dabei betrifft. Diese sind nämlich vom Motor zum Bremser geworden, und das nicht bloß auf klimapolitischem Gebiet.

Im gedanklichen Vorgriff auf eine solche Wende ist der "Green New Deal" entstanden – als Schlagwort und Wunschvorstellung von Teilen der weltweiten Umweltschutzbewegung. Und zweifellos hat die EU-Kommission sich von dieser Wunschvorstellung inspirieren lassen, als sie nach einer passenden Überschrift für das suchte, was sie jetzt in ihrer Mitteilung präsentiert. Allerdings blieb vom "New Deal" nur ein ganz banaler "Deal" übrig. Das ist nicht nur eine Verkürzung. Der ganze Begriff verliert damit seinen eigentlichen Sinn. Er wird so mißverständlich und mehrdeutig, als würde man aus dem "New Testament" ein bloßes "Testament" oder gar "Testimonial" machen.

Weshalb das passiert ist, bleibt weiterhin rätselhaft. Hat die EU-Kommission etwa Angst vor der eigenen Courage bekommen? Wollte sie den Mund nicht zu voll nehmen angesichts der vielen Probleme, die es schon bisher mit der Erreichung der europäischen CO2-Minderungsziele gibt? Oder waren es diplomatische Überlegungen? Wollte sie vielleicht das angespannte Verhältnis mit den USA nicht noch mehr belasten, indem sie sich zum Zentrum des weltweiten Widerstands gegen die Klimaschutz-Bremser in Washington erklärt? Oder bangte ihr speziell davor, den Halbirren im Weissen Haus und dessen Republikanische Partei allzusehr zu reizen, wenn sie eine glorreiche Parole aus dem Fundus der Demokratischen Partei übernimmt?

Wie auch immer: Sie hätte die gedankliche Anleihe bei Roosevelts "New Deal" entweder konsequent durchführen oder ganz darauf verzichten müssen. Was jetzt dabei herauskam, ist nur sprachlich-begrifflicher Schrott.