Psychologie

Ein moderner Mythos

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So untot wie Graf Dracula

Die Psychoanalyse gilt vielen noch immer als "Insignie der höheren Denkungsart"

Die Psychoanalyse ist für die Medien ein beliebter Dauerlutscher - Hier eine Ausgabe des Magazins "Der Spiegel", das dem Mythos alle paar Jahre eine Titelgeschichte abzugewinnen vermag.

Die Psychoanalyse sei jene Krankheit, für deren Therapie sie sich halte, spottete schon Karl Kraus. Als Literat hatte er ein feines Gespür dafür, daß diese angebliche Wissenschaft ein uneheliches Kind der Literatur war, und zwar jener von der schlechten Sorte. Ähnlich äußerte sich der britische Literaturhistoriker Richard Webster: Für ihn ist Sigmund Freud "der Schöpfer einer komplexen Pseudo-Wissenschaft, die als eine der größten Torheiten der westlichen Zivilisation erkannt werden sollte". (1)

"Der Wiener Seelenpionier ist genauso untot wie Graf Dracula", konstatierte der Psychologie-Kritiker Rolf Degen. "Besonders bei geisteswissenschaftlich orientierten Intellektuellen und im Feuilleton gilt die Psychoanalyse immer noch als eine Insignie der höheren Denkungsart, und die Krankenkassen blättern für eine Behandlung beim Analytiker bis zum Abwinken Mittel der Solidargemeinschaft hin." (2)

Der Glaube an die Psychoanalyse ist in der Tat eines der merkwürdigsten Phänomene des 20. Jahrhunderts - vergleichbar etwa der Begeisterung für den "Ossian", der als angeblicher Bardengesang aus keltischer Frühzeit im 19. Jahrhundert die gebildete Welt faszinierte. In beiden Fällen tat der Gläubigkeit keinen Abbruch, daß es sich um Fälschungen bzw. Mystifikationen handelte, die ohne großen intellektuellen Aufwand als solche zu erkennen gewesen wären.
Einer von vielen Versuchen, das famose "Unbewußte" neu aufzupolieren

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird man allerdings kaum noch "orthodoxe" Anhänger der Psychoanalyse finden, die das Werk des großen Meisters bis zum letzten Buchstaben verteidigen (zumal schon zu Lebzeiten Freuds die ersten seiner Jünger abtrünnig wurden und es heute auf diesem Sektor eine unübersehbare Vielzahl von Gurus gibt). So ist der angebliche "Penisneid", der bei Frauen eine geschlechtsspezifische Neurotisierung bewirken soll, heute unschwer als pseudo-wissenschaftliche Begriffsbildung zu erkennen.

Dagegen erfreuen sich andere Versatzstücke der psychoanalytischen Glaubenslehre wie der "Freudsche Versprecher" oder die "orale Fixierung" noch immer ungebrochener Popularität. Und noch immer wird die Psychoanalyse von den Krankenkassen als Therapie anerkannt und bezahlt, obwohl nie ein Nachweis ihrer Wirksamkeit geführt werden konnte.

Auch der famose Begriff des "Unbewußten" hat immer noch Konjunktur, obwohl er bereits unter logisch-erkenntnistheoretischem Aspekt ein "Widerspruch in sich" ist, wie Max Planck auffiel. - Und obwohl sich der Nachweis führen läßt, daß diese angebliche "Entdeckung" Freuds schon von den Romantikern in der ersten und vom philosophischen Zeitgeist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kultiviert worden war.

Ausbreitung und Popularisierung der Psychoanalyse

Wie konnte es zur epidemischen Verbreitung der Psychoanalyse kommen? Wie konnte etwas den Nimbus von "Wissenschaft" erlangen, was eher ein moderner Mythos ist?

Es wäre sicher ein Irrtum, die schließliche Popularität der Psychoanalyse für eine unmittelbare Wirkung von Freuds Schriften zu halten. Der 1919 gegründete Internationale Psychoanalytische Verlag hat in den zwanzig Jahren seines Bestehens nur etwa 150 Titel veröffentlicht, darunter mehrere Reihen und Freuds Gesammelte Werke. Der Gang der Geschäfte war derart schlecht, daß der Verlag nur selten zahlungsfähig war und sogar seine Autoren, anstatt ihnen Honorare zu zahlen, um Beiträge zur Deckung der Druckkosten bitten mußte. (3) Das läßt auf sehr geringe Auflagen schließen, von denen keine unmittelbare Massenwirkung ausgehen konnte. Ihre eigentliche Verbreitung erfuhren die psychoanalytischen Thesen also erst durch Presse, Literatur und sonstige Medien (wobei es eine zweitrangige Rolle spielte, ob die Aufnahme begeisterter, skeptischer oder feindseliger Art war).
In acht Jahren gerade mal 600 Exemplare verkauft: "Die Traumdeutung"

In den Anfängen widerfuhr der Psychoanalyse freilich schlimmeres als Ablehnung - nämlich schlichte Nichtbeachtung - , und das Zirkelwesen, das Freud mit seinen Jüngern um sich aufbaute, dürfte zum Teil als Reaktion auf die ausbleibende öffentliche Anerkennung zu sehen sein. Über Jahre hinweg wurden er und seine Jünger bei der Verleihung von Professorentiteln, die im Wien der Jahrhundertwende mit dem sozialen Status eines Mediziners auch dessen Einkommen beträchtlich erhöhten, übergangen. Daß er den begehrten Titel 1902 schließlich doch erhielt, verdankte er ausschließlich den Bemühungen einer seiner Patientinnen, die Frau eines Diplomaten war und den zuständigen Minister günstig zu stimmen wußte. (4) Die "Traumdeutung", die Ende 1899 erschien und als ein Hauptwerk der Psychoanalyse gilt, wurde in nur 600 Exemplaren gedruckt, und es dauerte acht Jahre, bis sie verkauft waren. In der Fach- und Publikumspresse wurde das Buch trotz aller Bemühungen so gut wie ignoriert. Ähnlich verhält es sich mit den "Studien über Hysterie", die Freud 1895 gemeinsam mit Breuer herausbrachte. Von diesem Buch wurden 800 Exemplare gedruckt, von denen nach 13 Jahren gerade 626 Stück verkauft waren. (5)

Auf fruchtbareren Boden fielen die modernen Mythen der Psychoanalyse erst nach dem ersten Weltkrieg, der alle alten Werte und Maßstäbe erschüttert hatte. Als typisch für die massenwirksame Adaption der Psychoanalyse in den zwanziger Jahren kann ihre Darstellung in der (Trivial-) Literatur gelten. Zum Beispiel bei Gustav Meyrink, der seine phantastisch-skurrilen Geschichten mit zahlreichen Zutaten aus dem mystisch-okkulten Bereich zu garnieren pflegte und dabei auch zielsicher ins Fach der Psychoanalyse griff. Im "Haus des Alchemisten" ist die Hauptfigur ein dämonischer Gelehrter, der die Psychoanalyse zur Erzeugung statt zur Lösung von "Komplexen" einsetzt und sich so seine Mitmenschen unterwirft. Dabei kommt Meyrink nicht umhin, den Leser erst einmal in die Grundzüge der Psychoanalyse einzuführen. Und zwar folgendermaßen:

"Komplex!" Apulejus Ochs lehnte sich im Sessel zurück und verwandelte sich in ein lebendes Konversationslexikon. - "Die Lehre vom Komplex ist eine Erfindung des berühmten Wiener Professors Freud und gehört zum Gebiet der Seelenforschung. Komplexe sind, so könnte man sagen, nichts anderes als fixe Ideen im Menschen, die nach und nach so stark geworden sind, daß sie die Handlungsweise der von ihnen Befallenen in einer Art lenken, die oft aller Vernunft Hohn spricht. Sie sind dann das Schicksal, dem keiner entrinnen kann. Sie setzen sich wie Korallenriffe aus kleinsten Teilen zusammen, - eines Tages, wenn die Wellen hochgehen, scheitert das Schifflein, 'Mensch' genannt, an ihnen. [. . .] Kurz und gut, wenn jemand zugrundegeht, immer ist nur er selber daran schuld. Die Komplexe sind sein Verhängnis, und dieses Verhängnis schafft er sich selbst. --- Das heimliche Wachsen der Komplexe gleicht einer seelischen Polypenbildung. Wenn nicht alle, so sicherlich die meisten Krankheiten des Geistes und - des Körpers sind ihre Folgen. Scheinbar ganz abseits liegende, unmerkliche seelische Eindrücke können die Ursache sein, daß sich später der furchtbarste Komplex im Menschen bildet. Je winziger solche Eindrücke sind, desto gefährlicher können sie sein. - Glauben Sie mir: es gibt auch geistige Mikroben! - Körperliche Bazillen können wir töten, wenn sie oder ihr Herd im Vergrößerungsglas sichtbar zu machen sind; gegen unsichtbare haben wir keine Waffe. Aus den Träumen, und gerade aus den scheinbar sinnlosen, kann der Forscher erkennen, von welcher Art Komplex jemand befallen ist. - Ein solcher Seelenarzt kann dann auch - aber nur vielleicht! - die Ursache durchschauen, die Wurzel ausreißen und damit die Krankheit beseitigen." (6)

Meyrink liefert hier, bei aller skurrilen Überspitzung, eine im Kern sehr anschauliche und zutreffende Darstellung der psychoanalytischen Ideologie, die in der volkstümlichen Redensart vom "Komplex" die breiteste Stufe ihrer Massenwirksamkeit erreicht. Er macht sogar auf den Widerspruch zwischen dem Spiritualismus des psychoanalytischen Seele-Modells und seinem vulgärmaterialistischen Ausgangspunkt aufmerksam, indem er die Psychoanalyse als die Zuversicht jener Gelehrten bezeichnet, "die da hoffen, es gäbe keine Seele".

Kreuzungsversuche mit dem Marxismus

Es konnte nicht ausbleiben, daß die Psychoanalyse als geistige Mode und Ersatzphilosophie auf andere ideologische Richtungen stieß und sich teilweise mit diesen vermischte. Einer solchen Vermischung günstig waren vor allem sämtliche Varianten der Lebensphilosophie, die Fleisch vom selben Fleisch waren und mit der Psychoanalyse in fortgesetzter Verbindung immer neue literarische und künstlerische Triebe hervorbrachten. Auch der Marxismus rückte verstärkt ins Blickfeld von Anhängern der Psychoanalyse. Umgekehrt mußte die Psychoanalyse manchen enttäuschten Adepten eines vulgarisierten, auf eine ökonomisch-soziale Theorie reduzierten Marxismus als Bereicherung erscheinen.

So glaubte der Marxist Siegfried Bernfeld, in der methodischen Grundhaltung der Psychoanalyse, allen Phänomenen des Bewußtseins eine eigentliche, "unbewußt" bleibende Motivation zu unterstellen, eine Verwandtschaft mit der ideologiekritischen Haltung des Marxismus erkennen zu können. Für Fritz Sternberg eröffneten sich durch den Begriff der "Verdrängung" neue Perspektiven der marxistischen Sicht auf die Gesellschaft, indem er den Kapitalismus als "Hypertrophie der Verdrängung" zu begreifen versuchte. Otto Fenichel erblickte in der Psychoanalyse den "Keim einer zukünftigen dialektisch-materialistischen Psychologie". Praktische Bedeutung erlangte die Auseinandersetzung zwischen Psychoanalyse und Marxismus vor allem in der "Sexpol"-Bewegung der KPD, die in der Beseitigung der "sexuellen Unterdrückung der Massen im Kapitalismus" den Hebel zur sozialen Revolution zu erblicken vermeinte. Der "Sexpol"-Guru Wilhelm Reich sah in der Psychoanalyse ebenfalls "die Grundlagen einer künftigen dialektisch-materialistischen Psychologie".
Erich Fromm (1900 - 1980) gehörte zum Zirkel marxistischer Psychoanalytiker um Wilhelm Reich und Otto Fenichel. Später reüssierte er mit einer unorthodoxen Mischung aus Psychoanalyse und Marxismus.

Nicht zuletzt wäre hier Erich Fromm zu erwähnen, der bis 1934 ein orthodoxer Anhänger Freuds war und im Dunstkreis des Frankfurter Instituts für Sozialforschung mit marxistischer Theorie in Berührung geriet. Fromm sah in der Psychoanalyse eine "naturwissenschaftliche, materialistische Psychologie". Soweit er sich als Marxist verstand, glaubte er, mit Hilfe der Psychoanalyse die soziologische Sichtweise des Marxismus um den individualpsychologischen Aspekt ergänzen zu können. Nach seiner Emigration in die USA löste er sich aber immer mehr von der Orthodoxie beider Arten. Zusammen mit Karen Horney und Harry Stack Sullivan trug Fromm maßgeblich zur Verbreitung und Reputation der Psychoanalyse in den USA bei. Das Ansehen, das die Psychoanalyse mittlerweile in den USA erlangt hatte, trug wiederum nach dem zweiten Weltkrieg entscheidend zu ihrer weiteren Verbreitung in Europa bei. Denn der alte Kontinent glich auch geistig einem Trümmerfeld.

Zur Reputierlichkeit der Psychoanalyse als "Insignie der höheren Denkungsart" trug in Deutschland vor allem ihre Verbindung mit der "Frankfurter Schule" bei. Mit der paradoxen These, daß Aufklärung in Mythologie zurückschlage und schon der Mythos Aufklärung sei, erklärten Horkheimer und Adorno jeden Versuch der geistigen Orientierung für erlaubt und zugleich für sinnlos. Es war deshalb nur folgerichtig, daß beide den modernen Mythen der Psychoanalyse anhingen und diese als Aufklärung begriffen. Hinzu kam eine ähnlich geartete Rezeption des Marxismus: Der Untergang des bürgerlichen Individuums in der verwalteten, bürokratischen Massengesellschaft, der bei Adorno und Horkheimer den auf Moll gestimmten Grundakkord bildet, wiederholt sich auf ähnliche Weise in Marcuses "eindimensionalem Menschen" und Fromms entfremdeten Menschen, der das "Sein" zugunsten des "Habens" aufzugeben droht.

Im Zuge der Studentenbewegung gegen Ende der sechziger Jahre wurden die hier skizzierten Verschmelzungsversuche zwischen Marxismus und Psychoanalyse neu entdeckt. Sie spielten mit der Frankfurter Schule und der Variante Marcuses eine hervorragende Rolle im Denken der "neuen Linken", bevor diese in Resignation und Sektenwesen zerfiel. Vor allem Wilhelm Reich, dessen "Sexpol"-Ideen zu den anspruchsloseren Verbindungsversuchen gehörten, erfreute sich zeitweilig größter Wertschätzung. Seine "Massenpsychologie des Faschismus" erlebte erst jetzt, wo die repressive Sexualmoral samt anderen Bestandteilen der Nachkriegsrestauration dem Ende zuging, größere Verbreitung und Beachtung. Neue Gesichtspunkte ergaben sich in dieser zweiten "Sexpol"-Debatte unter den Auspizien der neuen Linken jedoch nicht. Sie versackte bald in so verquasten Szene-Bestsellern wie Dieter Duhms "Angst im Kapitalismus" und leitete damit direkt über zur "Psycho-Welle" der siebziger Jahre.

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