Psychologie

Ein moderner Mythos

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Penisneid, Ödipuskomplex etc.

Freuds Werdegang und die Grundbegriffe des psychoanalytischen Systems

Sigmund Freud im Alter von etwa acht Jahren mit seinem Vater Jacob

Sigmund Freud wird 1856 in Freiberg in Mähren geboren. Sein Vater betreibt dort einen gutgehenden Textilhandel. Kurz nach Sigmunds Geburt setzt die große Wirtschaftskrise des Jahres 1857 ein. "Die Stätten, über welche die Pestilenz dahingeschritten war, bedeckten sich zwar nicht mit Leichen und rauchenden Schutthaufen, wohl aber mit zahllosen Ruinen des öffentlichen und Privatwohlstandes", heißt es in einem Artikel der Preußischen Jahrbücher zu den Auswirkungen dieser Krise. Unter den Opfern der "Pestilenz" befindet sich auch Freuds Vater. Der vordem wohlhabende Wollhändler ist ruiniert. (1) Sigmund ist vier Jahre alt, als sein Vater mit der Familie Freiberg verläßt und nach Wien übersiedelt, um dort eine neue Existenzgrundlage zu suchen. Gleichwohl bringt es die Familie nie mehr zu dem alten Wohlstand und hat Mühe, eine kleinbürgerlich-standesgemäße Lebensführung zu finanzieren. Auch Sigmund Freuds spätere Studentenjahre sind von argen Entbehrungen begleitet.
1886 heiratet Freud die 25jährige Martha Bernays.

Auf dem Gymnasium in Wien zeichnet sich Sigmund Freud jahrelang als Klassenprimus aus und macht das Abitur mit 17 Jahren "summa cum laude". Als er im Herbst 1872 an der Wiener Universität mit dem Studium der Medizin beginnt, befindet sich der Vulgärmaterialismus in der Wissenschaft noch auf dem Höhepunkt. Es ist jene Zeit, da Rudolf Virchow sarkastisch verkündet, er habe tausend menschliche Körper seziert, ohne auch nur in einem von ihnen eine Seele gefunden zu haben. Helmholtz, der seit 1871 in Berlin lehrt, verkündet die völlige Erforschbarkeit des Menschen mittels physikalisch-mathematischer Methoden. Die glänzenden Erfolge der damaligen Naturforschung scheinen die vulgärmaterialistische Auffassung zu bestätigen. Freud tritt in das Physiologische Institut des Wiener Helmholtz-Partners Ernst Brücke ein und widmet sich intensiv dem Studium von Nervenbahnen. Seine damaligen Arbeiten befassen sich mit physiologischen Fragen und verraten noch nichts von den späteren spekulativen Neigungen. So veröffentlicht er 1877 seine "Beobachtungen über Gestaltung und feineren Bau der als Hoden beschriebenen Lappenorgane des Aals" und eine Arbeit "Über den Ursprung der hinteren Nervenwurzeln im Rückenmark von Ammocoetes (Petromyzon Planeri)". 1878 schreibt er "Über Spinalganglien und Rückenmark des Petromyzon".1879 erscheint eine "Notiz über eine Methode zur anatomischen Präparation des Nervensystems" usw.
Die Familie Freud ca. 1878: Der Mediziner Sigmund (3.v.l.) ist damals im Physiologischen Institut von Ernst Brücke tätig und widmet sich noch intensiv dem Studium von Nervenbahnen. Vor ihm sitzt Mutter Amalia, rechts im Sessel Vater Jacob.

Im Frühjahr 1885 erwirbt Freud - er ist 29 Jahre alt und hat im Vorjahr promoviert - eine Privatdozentur für Neuropathologie. Von Herbst 1885 bis Ende Februar1886 erhält er durch Vermittlung Brückes ein Reisestipendium, das ihn an die "Salpetriere", die Universitäts-Nervenklinik von Paris führt. Dort nimmt er an den Vorlesungen des Neurologen Charcot teil, der mit seinen hypnotischen Behandlungsversuchen an Hysterikern Aufsehen erregt. Noch im selben Jahr übersetzt Freud Charcots "Neue Vorlesungen über Krankheiten des Nervensystems, insbesondere über Hysterie" ins Deutsche.

Freud heiratet 1886 die 25jährige Martha Bernays, mit der er seit 1882 verlobt war. Wenig später wird das erste Kind, Mathilde, geboren. Nach der Heirat eröffnet er eine Privatpraxis als Nervenarzt, die ihn allerdings weder auslastet noch ausreichend ernährt. Neben seiner Privatpraxis bekleidet er daher noch jahrelang die Stelle des Leiters der Neurologischen Abteilung am "Ersten öffentlichen Kinderkrankeninstitut" in Wien. In dieser Zeit veröffentlicht er auch einige Arbeiten über die Krankheiten des Kindesalters.
Unter dem Decknamen "Anna O." behandelte Breuer die spätere Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim (Foto ca. 1880). Die Patientin selber hielt nie viel von den krausen Theorien, die Freud anhand ihres Falls entwickelte, um hysterische Reaktionen des unterdrückten Geschlechts zu erklären.

Die entscheidenden Anregungen der achtziger Jahre verdankt Freud seinem älteren Kollegen und Mentor Josef Breuer, dem er in Brückes Physiologischem Institut begegnet. Breuer behandelt von 1881 bis 1882 eine hysterische Patientin, die unter dem Decknamen "Anna 0." in die Literatur eingegangen ist. Er vermittelt Freud den Gedanken, daß auch den Erscheinungen der Hysterie ein Sinn innewohnt, der sich ergründen läßt.

Breuer versetzt die "Anna 0." wie auch andere Patienten zeitweilig in Hypnose und stellt fest, daß nach dem Dämmerschlaf die hysterischen Symptome vorübergehend abklingen. Ab 1887 macht sich auch Freud mit dieser Technik vertraut. Er übersetzt Bernheims Buch "Die Suggestion und ihre Heilwirkung" aus dem Französischen ins Deutsche. 1889 fährt er nach Nancy, um sich dort von Liebeault und Bernheim persönlich in Hypnose und Suggestion unterweisen zu lassen.

Freuds Arbeiten sind noch bis in die neunziger Jahre von neurologischen Fragestellungen bestimmt. Seit dem Aufenthalt an der "Salpetriere" tritt allerdings zunehmend sein Interesse für Neurosen hervor, die sich mit dem Instrumentarium der Physiologie nicht in den Griff bekommen lassen. Die letzte neurologische Arbeit erscheint 1897. Danach widmet er sich ausschließlich den Neurosen und der Spekulation über deren Ursachen. Freud löst sich dann im Laufe der Jahre fast gänzlich von der naturwissenschaftlichen Methodik, die seine früheren Arbeiten bestimmten, und wendet sich im Alter der Kulturkritik zu. (2)

Es ist Freuds Verhängnis, seine Tragik, wenn man so will, daß er sich mit dem untauglichen Instrument des vulgärmaterialistischen Wissenschaftsverständnisses auf das problematische Gebiet der seelischen Erkrankungen begibt. Er ist zutiefst vom positivistischen Glauben durchdrungen, daß Detail-Wissenschaft die Philosophie ersetzen könne und müsse. Vor dem Hintergrund dieser tiefsitzenden Überzeugung muß seine ausgeprägte Philosophie-Feindlichkeit gesehen werden, die seiner Abneigung gegenüber der Religion kaum nachsteht. Für Freud ist Wissenschaft praktizierte Philosophie. Die Welt erscheint ihm als etwas Unverrückbares, Statisches, über das man nur noch das Planquadrat der Vernunft zu breiten hat, um es zu katalogisieren und dem wissenschaftlichen Verständnis zu erschließen. Die völlige Erforschung der Welt ist in diesem Sinne nur eine Frage der Zeit, und da sich prinzipiell alles rational erklären läßt - so folgert Freud -, müssen sich auch die Ursachen seelischer Krankheiten aufdecken lassen.

Freud bleibt zeit seines Lebens dieser vulgärmaterialistischen Auffassung verhaftet. Als er den Boden der Empirie verläßt und das spekulative Gebäude der Psychoanalyse errichtet, ist er sich dieses Verlassens schuldhaft bewußt. Er betrachtet die Psychoanalyse lediglich als einen Vorgriff, als eine Hypothese, die eines Tages durch exakten Nachweis zum wissenschaftlichen Festland werden soll. Andererseits ist er von der prinzipiellen Richtigkeit seiner Hypothesen mit einer fast religiösen Gläubigkeit überzeugt, die ihn den empirischen Beleg nur noch als eine Art Formsache empfinden läßt: "Das Gebäude der Psychoanalyse, das wir geschaffen haben, ist in Wirklichkeit ein Überbau, der irgend einmal auf sein organisches Fundament aufgesetzt werden soll; aber wir kennen dieses noch nicht." (3)
Mit Josef Breuer überwarf sich Freud, weil dieser es ablehnte, die zentrale Ursache von Neurosen in der Sexualität zu suchen.

Das wichtigste Werk der psychoanalytischen Literatur vor Erscheinen der "Traumdeutung" sind die "Studien zur Hysterie", die Freud 1895 gemeinsam mit Breuer herausbringt. Die Studien enthalten im wesentlichen fünf Krankengeschichten, darunter den von Breuer geschilderten Fall der "Anna 0.". Die Verfasser verwenden für ihre Therapie, die Patienten unter Hypnose "verdrängte" Erlebnisse erzählen zu lassen, den Begriff der "Psychokatharsis". Freud kommt später von der Hypnose ab und ersetzt sie durch die Methode der "freien Assoziation". Er ist der Auffassung, daß die Hypnose nur einen vorübergehenden Erfolg bewirke, da sie den "Widerstand" des "Unbewußten" verdecke, der sich beim wachen Patienten bemerkbar mache.
Auch die Freundschaft mit dem Hals- und Nasenspezialisten Wilhelm Fließ (rechts) hielt nicht lange.

Freuds Freundschaft mit Breuer ist schon bei Erscheinen der "Studien" einer fast feindseligen Haltung gewichen, weil Breuer es ablehnt, die zentrale Ursache der Neurosen in der Sexualität zu suchen. Im übrigen steckt Freuds Gedankengebäude aber erst noch in den Anfängen. Freud ringt mühsam um Begriffe und unternimmt noch immer den Versuch, ein physiologisch strukturiertes Modell der Psyche zu entwerfen. In diese Periode fällt seine Freundschaft mit dem Berliner Hals- und Nasenspezialisten Wilhelm Fließ. Freud übernimmt von Fließ vor allem den Hinweis auf die - dem Volksmund schon immer geläufige angebliche Beziehung zwischen Nase und Genitalapparat und die ursprüngliche Bisexualität des Menschen. Ganz allgemein scheint er sich von Fließ eine medizinisch-biologische Bestätigung seiner Sexualtheorie zu erhoffen. "Vielleicht finde ich bei Dir den Boden, auf dem ich aufhören kann, psychologisch zu erklären, und beginnen, physiologisch zu stützen", schreibt er am 30. Juni 1896 in einem Brief an seinen Freund. (4) Zu Beginn des neuen Jahrhunderts erkaltet dann auch die "in mancher Beziehung so neurotische Freundschaft" (Jones) mit Fließ. Sie weicht ähnlicher Feindseligkeit wie gegenüber seinem früheren Mentor Breuer oder den später abfallenden Jüngern seines Kreises wie C. G. Jung.

Die "Traumdeutung" (1900) verrät nichts mehr von Freuds anfänglichem Bemühen, seine Psychologie in der Physiologie zu verankern. Rein spekulativ deutet er Luftschiffe, Schlangen, Krawatten, Hämmer, Flinten, Dolche, Baumstämme, Schirme usw. als Penis-Symbole, wogegen Höhlen, Schiffe, Dosen, Schachteln, Kästen, Schränke, Öfen usw. angeblich verkappte Erscheinungen der Vagina sind. Da jeder Gegenstand eine mehr runde oder längliche Form aufweist, scheidet er damit praktisch die ganze Erscheinungswelt in Penis- und Vagina-Symbole. Auch bestimmte Situationen im Traum, etwa das Treppensteigen, offenbaren sich ihm als sexuelle Vorgänge. Die "Traumarbeit" besteht Freud zufolge darin, daß die oftmals peinlichen Vorstellungen des latenten Trauminhalts vom Bewußtsein des Schläfers so lange abgewiesen werden, bis sie genügend symbolhaft entstellt sind, um die "Zensur" des "Ich" passieren zu dürfen. Demselben Zweck diene die Verkehrung ins Gegenteil. Wenn beispielsweise jemand träumt, er durchschreite eine Flucht von Zimmern, dann kann damit nach psychoanalytischer Auffassung genauso ein Bordell-Besuch (ursprünglicher Symbolgehalt) wie dessen "Gegenteil", die Ehe, angesprochen sein.

In seiner "Psychopathologie des Alltagslebens" (1904) und der Schrift "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten" (1905) spinnt Freud den Faden der "Traumdeutung" weiter. Die Fehlhandlungen des Alltags, das Versprechen, Verlegen und Vergessen sowie die halluzinationsähnlichen Erscheinungen des "deja vu" oder "deja raconte" erscheinen ihm ebenfalls als Beweis für die Existenz eines "Unbewußten" in der menschlichen Seele, welches die Wächterinstanz des bewußten "Ich" immer wieder übertölpelt. Die "Freudsche Fehlleistung" wird zum stehenden Begriff. Die Funktion des Witzes erklärt Freud aus einem plötzlichen "Lustgewinn", aus "erspartem psychischem Aufwand", der normalerweise erforderlich gewesen wäre, um eine dem Witz zugrunde liegende Vorstellung zu unterdrücken.

In den "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1905) legt Freud der menschlichen Natur einen allgemeinen Geschlechtstrieb (Libido) zugrunde, der sich auf "Sexualobjekte" (Personen) und "Sexualziele" (Handlungen) richte. Er postuliert einen "zweizeitigen Ansatz zur Sexualentwicklung". Den ersten Ansatz, der bei den meisten Menschen allerdings einer "infantilen Amnesie" verfalle, sieht er bereits im frühen Kindesalter, wenn das Kind an der Brust der Mutter saugt oder Interesse für seine Ausscheidungen bekundet. Dementsprechend gliedert er seine "prägenitale Organisation des Sexuallebens" in eine "orale" und eine "anal-sadistische" Phase. Die Energie der infantilen "Partialtriebe" werde während einer später einsetzenden "Latenzperiode" ganz oder größtenteils "von der sexuellen Verwendung abgeleitet und anderen Zwecken zugeführt". Die Pubertät unterstelle dann die Partialtriebe dem "Primat der Genitalien". Hinter Gefühlen wie Zärtlichkeit, Verehrung und Hochachtung, welche die genitale Sexualität des Menschen begleiten, sieht Freud "die alten, jetzt unbrauchbar gewordenen Sexualstrebungen der infantilen Partialtriebe".

Freud glaubt feststellen zu können, daß sich bei keinem anderen Lebewesen außer dem Menschen der von ihm behauptete "zweizeitige Ansatz zur Sexualentwicklung" mit der "Latenzperiode" beobachten lasse, und daß hierin die Grundlage der menschlichen Kultur zu suchen sei: "Die Kulturhistoriker scheinen einig in der Annahme, daß durch solche Ablenkung sexueller Triebkräfte von sexuellen Zielen und Hinlenkung auf neue Ziele ein Prozeß, der den Namen Sublimierung verdient, mächtige Komponenten für alle kulturellen Leistungen gewonnen werden." Auch im späteren Sexualleben, so lehrt die Psychoanalyse, sei diese geheimnisvolle "Sublimierung" sexueller Triebe die Voraussetzung jeglicher kultureller Höherentwicklung des Individuums und mit ihm der Menschheit.

Freud nimmt eine "infantile Sexualforschung" an, die ab dem dritten Lebensjahr einsetze. Sie ende bei dem Knaben, der des penislosen Mädchens angesichtig werde, mit dem "Kastrationskomplex", indem er fortan die Befürchtung hege, ebenfalls "kastriert" zu werden. Hinzu hinterlasse die endlich gewonnene Überzeugung, daß das Weib keinen Penis besitzt, oft eine "dauernde Geringschätzung des anderen Geschlechts". Umgekehrt verfalle das Mädchen dem "Penisneid", sobald es der Zierde des Knaben angesichtig werde: "Es bemerkt den auffällig sichtbaren, groß angelegten Penis eines Bruders oder Gespielen, erkennt ihn sofort als überlegenes Gegenstück seines eigenen, kleinen versteckten Organs und ist von da an dem Penisneid verfallen." Das Mädchen hege fortan nur noch den Wunsch, "auch ein Bub zu sein".

Freud glaubt ferner, daß Knaben und Mädchen in früher Kindheit eine "inzestuöse Objektwahl" treffen, indem sich nämlich der Junge in die Mutter und das Mädchen in den Vater verliebt. Daraus entwickele sich der "Ödipuskomplex", dessen mangelhafte Bewältigung die Ursache zahlreicher Neurosen sei. "Man sagt mit Recht", so schreibt er, "daß der Ödipuskomplex der Kernkomplex der Neurosen ist, das wesentliche Stück im Inhalt der Neurose darstellt. In ihm gipfelt die infantile Sexualität, welche durch ihre Nachwirkungen die Sexualität des Erwachsenen entscheidend beeinflußt. Jedem menschlichen Neuankömmling ist die Aufgabe gestellt, den Ödipuskomplex zu bewältigen; wer es nicht zustande bringt, ist der Neurose verfallen."
Manuskriptseite aus "Totem und Tabu": "Eines Tages taten sich die ausgetriebenen Brüder zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater und machten so der Vaterhorde ein Ende. Vereint wagten sie und brachten sie zustande, was dem einzelnen unmöglich geblieben wäre. (Vielleicht hatte ein Kulturfortschritt, die Handhabung einer neuen Waffe, ihnen das Gefühl der Überlegenheit gegeben.) Daß sie den Getöteten auch verzehrten, ist für den kannibalen Wilden selbstverständlich. Der gewalttätige Urvater war gewiß das beneidete und gefürchtete Vorbild eines jeden aus der Brüderschar gewesen. Nun setzten sie im Akte des Verzehrens die Identifizierung mit ihm durch, eigneten sich ein jeder ein Stück seiner Stärke an. Die Totemmahlzeite, vielleicht das erste Fest der Menschheit, wäre die Wiederhlung und die Gedenkfeier dieser denkwürdigen, verbrecherischen Tat, mit welcher so vieles seinen Anfang nahm, die sozialen Organisationen, die sittlichen Einschränkungen und die Religion."

Mit "Totem und Tabu" (1912) begibt sich Freud sogar auf das Gebiet der Ethnologie und Anthropologie. Die Sitten primitiver Stämme inspirieren ihn zu einem waghalsigen Essay über die mutmaßlichen Anfänge der menschlichen Kultur. Freud sucht sie im gewalttätigen, eifersüchtigen Vater der Darwinschen Urhorde, der alle Weibchen für sich behält und die heranwachsenden Söhne verjagt. Er nimmt an, daß sich die Söhne eines Tages zusammenschlossen, den Vater erschlugen und nach kannibalischer Sitte verspeisten. Anschließend seien die Söhne jedoch aufgrund ihrer "ambivalenten" Beziehung zum Vater, den sie zugleich geliebt und bewundert hätten, von Reue und Schuldbewußtsein befallen worden. "Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die Tötung des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten, und verzichteten auf deren Früchte, indem sie sich die freigewordenen Frau versagten." So seien der Brauch der Totem-Mahlzeit und das Gebot der Exogamie entstanden.

Im "Abriß der Psychoanalyse", den er 1938 beginnt und nicht mehr vollendet - Freud stirbt 1939 in London -, faßt er sein mehrfach revidiertes Gedankengebäude nochmals zusammen: Anstelle des einzigen Geschlechtstriebs postuliert er jetzt zwei "Grundtriebe", nämlich den "Eros" und den "Todestrieb". Die frühkindliche Beschäftigung mit der Sexualität in der "oralen" und "analen" Phase erweitert er um eine "phallische Phase", in der die Aufmerksamkeit der Kinder (beider Geschlechter) auf den männlichen Penis gerichtet sei. Freud schreibt weiter:

"Knaben und Mädchen haben von jetzt an gesonderte Schicksale. Beide haben begonnen, ihre intellektuelle Tätigkeit in den Dienst der Sexualforschung zu stellen, beide gehen von der Voraussetzung des Allgemeinvorkommens des Penis aus. Aber jetzt scheiden sich die Wege der Geschlechter. Der Knabe tritt in die Ödipusphase ein, er beginnt die manuelle Betätigung am Penis mit gleichzeitigen Phantasien von irgendeiner sexuellen Betätigung desselben an der Mutter, bis er durch das Zusammenwirken einer Kastrationsdrohung und dem Anblick der weiblichen Penislosigkeit das größte Trauma seines Lebens erfährt, das die Latenzzeit mit allen ihren Folgen einleitet. Das Mädchen erlebt nach vergeblichem Versuch, es dem Knaben gleichzutun, die Erkenntnis ihres Penismangels oder besser ihrer Klitorisminderwertigkeit mit dauernden Folgen für die Charakterentwicklung; infolge dieser ersten Enttäuschung in der Rivalität häufig mit erster Abwendung vom Sexualleben überhaupt."

Freud führt ferner den Begriff der "Regression" ein. Dieser steht für die "Neigung der Libido im Falle von genitaler Nichtbefriedigung oder realer Schwierigkeiten in die früheren prägenitalen Besetzungen zurückzukehren". Wer also in der genitalen Liebe kein Glück hat, "regrediert" auf die "orale" bzw. "anale" oder "phallische" Phase seiner Kindheit; beispielsweise indem er übermäßig ißt, Geld hortet oder onaniert.

Die psychischen Vorgänge spielen sich für Freud in drei Ebenen ab: Sie sind entweder bewußt, vorbewußt oder unbewußt. Parallel hierzu unterscheidet er drei psychische "Instanzen", nämlich das "Ich" bzw. "Über-Ich", die den Charakter des Bewußten oder Vorbewußten tragen, und das "Es", welches mit dem Unbewußten verbunden ist. Das "Ich", der Träger des Bewußten, ist der Freudschen Lehre zufolge als eine Art von "Rindenschicht" zu betrachten, die sich vom "Es" in der Auseinandersetzung mit der Außenwelt absondert. Im "Über-Ich" lebt als Niederschlag der langen Kindheitsperiode die elterliche Autorität fort. Es ist eine dritte Macht, der das "Ich" Rechnung tragen muß. Mit den elterlichen Geboten inkorporiert das "Über-Ich" auch die Familien-, Rassen- und Volkstradition und die Autorität elterlicher Ersatzpersonen wie Erzieher, öffentliche Vorbilder, verehrte Ideale usw.

Soweit die Grundauffassungen Freuds. Eine ausführlichere Darstellung der Psychoanalyse mit ihren nach und nach entstehenden Hypothesen, ihren mannigfachen Widersprüchlichkeiten und Korrekturen ist in diesem Rahmen nicht möglich. Es sei daran erinnert, daß die »Gesammelten Werke« Sigmund Freuds 17 Bände umfassen. (5) Es ist überhaupt eine Eigentümlichkeit der Freudschen Psychoanalyse, daß sie sich schlecht zu präzis-einleuchtender Darstellung eignet. Das Schrifttum Freuds gemahnt eher Belletristik. Ohne seine hervorragende schriftstellerische Begabung wäre es ihm jedenfalls nicht gelungen, die zahllosen Ungereimtheiten seines Systems so erfolgreich zu kaschieren.

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