Vorbemerkung

Diese historische Reportage über die Entstehung eines lokalen Zeitungsmonopols ist identisch mit meinem 1981 erschienenen Buch "Zeitungs-Geschichte" (Verlag Die Arbeitswelt, Berlin), das die Geschichte und Vorgeschichte des "Mannheimer Morgen" beschrieb. Weggelassen wurden lediglich die letzten 40 von insgesamt 216 Seiten, die hauptsächlich von den damaligen lokalen Fernsehprojekten handelten und mittlerweile vom Gang der Ereignisse überholt sind.

Alle Angaben beziehen sich somit auf den Stand des Jahres 1981, als das Buch erschien. Einige zusätzliche Informationen lassen sich der am 17.10.1984 erschienenen Jubiläumsausgabe zum hundertjährigen Bestehen der "Haas-Gruppe" entnehmen, in der sich der "Mannheimer Morgen" erstmals intensiver mit seiner eigenen Vorgeschichte auseinandersetzte (wobei ich in aller Unbescheidenheit annehme, daß dies auch eine Reaktion auf mein Buch war, das den damaligen Verlagsoberen ziemlich sauer aufgestoßen sein soll).

In wesentlichen Teilen entstand das Manuskript schon Anfang bis Mitte der siebziger Jahre, also in der Spätphase der "außerparlamentarischen Opposition". Dies ist auch dem Stil der Darstellung mit ihren gewerkschaftlich-kämpferischen Tönen anzumerken. Aus heutiger Sicht würde ich etliche Akzente anders setzen. Gut geschrieben finde ich diese Reportage allerdings nach wie vor. Und den grundlegenden historischen Fakten, wie ich sie damals ermittelt habe, ist meines Wissens noch immer nichts wesentliches hinzuzufügen.

Eine Korrektur möchte ich allerdings doch anbringen. Sie betrifft den inzwischen verstorbenen Verleger Karl Ackermann, dem ich in meinem Buch unterstellte, er habe sich 1948 aus schierem Opportunismus von der KPD distanziert, als ihm die amerikanische Besatzungsmacht mit dem Entzug der Lizenz für den "Mannheimer Morgen" drohte. Man konnte dies sicherlich so sehen. Ein gutes Gewissen habe ich bei dieser Unterstellung allerdings nie gehabt. Auch deshalb bin ich 1984 in die damalige DDR nach Greifswald gefahren, um Ackermanns früheren Weggefährten Prof. Rudolf Agricola zu befragen, der nach dem Krieg zusammen mit dem späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss die Lizenz für die Heidelberger "Rhein-Neckar-Zeitung" erhalten hatte. Agricola war 1948 den umgekehrten Weg gegangen, indem er sich für die KPD entschied und deshalb von den Amerikanern die Lizenz entzogen bekam. Das Interview fand kurz vor dem Tod des ehemaligen Lizenzträgers statt. Agricola war bereits sehr krank, konnte kaum noch sprechen. Aber er sprach unverblümt, nahm keine Rücksicht auf die Tabus der Partei, der er sein Leben gewidmet hatte. "Was wird nun wohl aus unserem Deutschland werden?" war die Frage, die ihn am meisten bewegte - und da begriff ich, daß Ackermann schon vor 36 Jahren die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Karl Ackermann gab übrigens auch indirekt den Anstoß zu dieser umfassenden Darstellung der Mannheimer Presse. Er hat nämlich 1972 meine Entlassung als Redakteur des "Mannheimer Morgen" gebilligt, die damals von anderer Seite eingefädelt wurde, weil ich mich als Pressesprecher der Mannheimer "Jungdemokraten" und als Vorsitzender des "Republikanischen Clubs Mannheim-Ludwigshafen e.V" ziemlich stark in der außerparlamentarischen Opposition engagiert hatte. Zugegeben: Heute bin ich auch der Meinung, daß ein Journalist - ungeachtet des Rechts und der Pflicht zum politischen Engagement - sich auf die Rolle des Beobachters beschränken sollte. Aber rechtens war die Entlassung dennoch nicht. Dem Arbeitsgericht wollten die Kündigungsgründe ebenfalls nicht einleuchten. So konnte ich mit einer beträchtlichen finanziellen Abfindung im Rücken meine Studien zur Geschichte der Mannheimer Presse beginnen. Denn ich war neugierig geworden: Was hatte es zum Beispiel mit Ackermann auf sich, von dem man munkelte, daß er früher einmal der KPD angehört habe? Oder wer war eigentlich dieser Dr. Haas, nach dem die Holding-GmbH des "Mannheimer Morgen"-Konzerns benannt war? Und nicht zuletzt: Welche Berührungspunkte gab es tatsächlich zwischen der heutigen Presse und jenen Blättern, die vor mehr als hundert Jahren einen mutigen Kampf für Demokratie und Pressefreiheit fochten? - Daß die Mannheimer Presse in dieser Hinsicht eine Fundgrube sein würde, ahnte ich bereits. Aber die Ergebnisse meiner Recherchen übertrafen dann doch alle Erwartungen.

Diskussion im "Republikanischen Club Mannheim-Ludwigshafen" (RC) anno 1971: Stehend der frühere Club-Vorsitzende und Metallgewerkschafter Fritz Karg (1), der wenig später Mannheimer DGB-Vorsitzender wurde. Rechts von ihm der Polit-Sänger Dieter Süverkrüp (2), der amtierende RC-Vorsitzende Udo Leuschner (3) sowie Dieter Preuss (4), ebenfalls Redakteur beim "Mannheimer Morgen". Zu den Gründungsmitgliedern des Mannheimer RC gehörten neben mehreren Journalisten vom "Mannheimer Morgen" auch etliche Akademiker von der Universität Mannheim, darunter der Kommunismus-Forscher Prof. Hermann Weber, der Sozialwissenschaftler Prof. Irle und der Philosoph Prof. Hans Albert, der als Schüler Poppers den "Kritischen Rationalismus" entwickelte.

Karl Ackermann ist im Juni 1996 im Alter von 88 Jahren gestorben. Bei allem Verständnis für seine politische Wandlung möchte ich hier aber doch eine irreführende Darstellung korrigieren, die er ein Jahr zuvor in einem Interview mit dem Heidelberger Schriftsteller Michael Buselmeier machte, als ihn dieser auf die Umstände meine Entlassung beim "Mannheimer Morgen" ansprach. Die Kernsätze lauteten:

Buselmeier: Es gibt also Veränderungen: Aus einem Lizenznehmer wird ein Eigentümer, und damit läuft ja auch parallel eine ideologische Kehre. Ich habe hier ein böses Buch über Sie.

Ackermann: Ach, der Leuschner. Den haben wir entlassen.

Buselmeier: Das Buch ist übrigens gar nicht schlecht, es ist intelligent gemacht.

Ackermann: Aber der Hintergrund ist der: Nicht er hat mit uns Krach bekommen, sondern er mit der Redaktion. Dann gab es eine Prügelei, und daraufhin ist er rausgeflogen.

Diese Darstellung ist falsch. Das muss Ackermann gewusst haben, obwohl die Initiative zu meiner Entlassung nicht von ihm, sondern vom damaligen Lokalchef Horst-Dieter Schiele ausging. Den eigentlichen Hintergrund bildete, dass zahlreiche „MM“-Redakteure – vor allem in der Lokalredaktion – mit der „außerparlamentarischen Opposition“ sympathisierten und deshalb an mir ein Exempel statuiert werden sollte. Entgegen Ackermanns Darstellung hatte ich keineswegs "Krach mit der Redaktion". Vielmehr mussten der genannte Ressortleiter und die Verlagsspitze meine Entlassung gegen den Widerstand der Redaktion durchsetzen. Und das gelang ihnen auch erst im zweiten Anlauf. Die beiden Verleger hatten ihrem Blatt nämlich ein „Redaktionsstatut“ spendiert, das vor allem dekorativen Zwecken diente, aber als einzige wesentliche Bestimmung immerhin ein Mitsprache- und Vetorecht des neu gebildeten „Redaktionsrats“ bei Kündigungen enthielt. Dieses Gremium war insofern hierarchisch gegliedert, als es der Handvoll Ressortleiter – also den leitenden Angestellten – unverhältnismäßig mehr Mitsprache einräumte als der Majorität der anderen Redakteure. Trotzdem wollte der so beschaffene Redaktionsrat meine Entlassung nicht akzeptieren. Die Vertreter der „normalen“ Redakteure widersprachen der Kündigung sogar geschlossen. Ackermann hat indessen dieses Votum nicht respektiert, sondern den Redaktionsrat zur Wiederholung der Abstimmung genötigt. Zugleich setzte er alle Mitglieder des Gremiums derart unter Druck, dass doch noch eine knappe Mehrheit für die Kündigung zustande kam. Anschließend sammelten die in der "Deutschen Journalisten-Union" organisierten Kollegen spontan mehrere tausend Mark zu meiner Unterstützung. Da das Verfahren vor dem Arbeitsgericht zumindest finanziell erfolgreich verlief, wurde diese Summe dann zu einem „Solidaritätsfonds“ umgewidmet, um in ähnlichen Fällen andere Betroffene unterstützen zu können.

Die angebliche Prügelei, von der Ackermann fabuliert, ist ein ähnlich fadenscheiniges Konstrukt. Anscheinend schmückt er damit die frei erfundene Geschichte weiter aus, die der Lokalchef Schiele zum Anlass und Vorwand nahm, um meiner Entlassung einen unpolitischen Anstrich zu geben. Der an den Haaren herbeigezogene Vorwurf lautete, ich hätte linke Jugendliche, die im Zentrum Mannheims für ein „Jugendzentrum in Selbstverwaltung“ demonstrierten, mit böser Absicht auf einen älteren (und wie der Lokalchef sehr konservativen) Kollegen aufmerksam gemacht, der daraufhin in Bedrängnis geraten sei. Daran stimmte nur soviel, dass ich zufällig an der Demonstration vorbeikam und von den Jugendlichen, die mich als Mitglied der Lokalredaktion kannten, als vermeintlicher Berichterstatter angesprochen wurde. Mangels Zuständigkeit verwies ich sie an den tatsächlich beauftragten Kollegen, der bis dahin unbeachtet in der Nähe stand, und ging weiter. Möglicherweise wurde dieser Kollege dann von den Jugendlichen ein bißchen angepflaumt, da sie zumindest seine Artikel kannten und diese nicht gerade schätzten. Von Tätlichkeiten oder gar einer Prügelei konnte aber überhaupt keine Rede sei. Zu einer näheren Erörterung oder gar Überprüfung der absurden Vorwürfe kam es indessen erst gar nicht. Als ich ahnungslos in die Redaktion zurückkehrte, eröffnete mir der Lokalchef ohne Nachfrage oder Anhörung, dass ich gleich wieder gehen könne und überdies Hausverbot hätte.

Ein bemerkenswert schwaches Erinnerungsvermögen zeigte Ackermann übrigens auch, als ihn der Interviewer auf die „ziemlich bösartigen“ Leitartikel ansprach, die er 1968 gegen die „außerparlamentarische Opposition“ verfasst habe:

Buselmeier: Ich frage mich, was damals in Ihnen vorgegangen ist.

Ackermann: Das war Schilling (der andere „MM“-Verleger)

Buselmeier: Karl Ackermann war’s.

Ackermann: Schilling war’s aber auch.

(Der volle Wortlaut des Interviews mit Ackermann findet sich auf den Seiten 107 bis 122 des Buches "Erlebte Geschichte erzählt 1994 – 1997" von Michael Buselmeier, das von der Stadt Heidelberg mit herausgegeben wurde und im Jahr 2000 im Verlag Das Wunderhorn erschienen ist.)