Mai 2026 |
260508 |
ENERGIE-CHRONIK |
Deutschland und Europa unterstützen bisher die Ukraine in ihrem seit mehr als vier Jahren andauernden Abwehrkampf gegen die russischen Aggressoren unter anderem über den Ukraine Energy Support Fund (UESF), zu dem Deutschland als größter Geber maßgeblich beiträgt. Diese Hilfe ist unverzichtbar. Sie folgt bislang aber vor allem "einer Logik der Reparatur". Die Ukraine befindet sich so in einem kostspieligen Kreislauf aus Zerstörung und Wiederaufbau, den Russland strategisch ausnutzt. Stattdessen bedarf es neben einer Dezentralisierung der ukrainischen Energieversorgung einer längerfristigen Planung mit einem Horizont von mindestens drei bis fünf Jahren, um sie widerstandsfähiger gegen die gezielte Zerstörung durch russische Angriffe zu machen.
Dies gaben die Forscher Rouven Stubbe und Georg Zachmann in einem Artikel zu bedenken, der am 22. Mai in der "Frankfurter Allgemeinen" erschien. Stubbe forscht am Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) zu Energiesystemen und Energiemarktreformen in der Ukraine. Zachmann ist Senior Fellow für Energie- und Klimapolitik am Brüsseler Thinktank Bruegel und am HZB.
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"Resilienz" ist in der Ukraine inzwischen ein viel verwendetes Wort, wenn es um die Energieversorgung geht. Mit dieser Grafik illustrierte die Regierung am 22. Mai ihre Mitteilung, dass sie einen Beschluss zur Durchführung einer Ausschreibung für den Bau von über 1,3 GW neuer Erzeugungskapazität im Rahmen der Resilienzpläne verabschiedet und die Bedingungen für die Ausschreibungen festgelegt habe. „Ziel ist es, die Widerstandsfähigkeit des Stromnetzes zu stärken und das Kapazitätsdefizit nach den russischen Angriffen auf die Energieinfrastruktur auszugleichen", unterstrich die Ministerpräsidentin Julia Swyridenko. |
Beide verweisen eingangs darauf, dass der vierte Kriegswinter seit Beginn der russischen Vollinvasion der bislang schwerste für die Energieversorgung der Ukraine war:
"In weiten Teilen des Landes fiel der Strom täglich für viele Stunden aus, ganze Stadtteile hatten wochenlang keine Wärme – bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad. Russische Angriffe trafen nicht nur Kraftwerke, sondern zunehmend auch Gasinfrastruktur und Fernwärmesysteme. Die Energieversorgung ist längst ein zentrales Schlachtfeld dieses Krieges."
Ein Großteil der zur Behebung der Schäden eingesetzten Mittel fließe in die Instandsetzung fossiler Großkraftwerke. Doch gerade diese Anlagen seien bevorzugte Ziele russischer Angriffe. Viele würden innerhalb weniger Wochen erneut beschädigt oder zerstört. Einige Kraftwerke seien schon mehr als ein Dutzend Mal wiederaufgebaut und erneut beschädigt worden
Zu Beginn des Krieges sei die schnelle Wiederherstellung bestehender Infrastruktur die einzige realistische Option gewesen, um einen Kollaps der Energieversorgung zu verhindern. Heute, im fünften Kriegsjahr, greife diese Strategie jedoch zu kurz: "Die russische Kriegsführung hat sich weiterentwickelt: Drohnenschwärme, präzise Raketenangriffe und gezielte Attacken auf kritische Infrastruktur machen zentrale Großanlagen zunehmend verwundbar Eine reine Reparaturstrategie werde unter diesen Bedingungen immer ineffizienter und immer teurer.
Ein noch schwerwiegenderer Zusammenbruch der Energieversorgung im nächsten Winter könnte eine neue Fluchtbewegung auslösen – mit erheblichen sozialen, politischen und finanziellen Kosten für Deutschland und Europa. Hinzu kämen die humanitären Folgen in der Ukraine selbst. Europa stehe deshalb vor einer strategischen Entscheidung:
"Der bisherige Ansatz, eine zentralisierte Energieinfrastruktur im laufenden Betrieb zu reparieren, ist langfristig die riskantere und kostspieligere Option. Eine resilientere Strategie setzt stattdessen auf Dezentralisierung: kleinere, flexibel einsetzbare Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, erneuerbare Energien und Batteriespeicher, die näher an Verbrauchszentren installiert werden und weniger anfällig für gezielte Angriffe sind. Ergänzt werden muss dies durch den Schutz besonders kritischer Anlagen, insbesondere der ukrainischen Kernkraftwerke und systemkritischer Umspannwerke."
Ein solcher Ansatz würde die Verwundbarkeit des Systems deutlich reduzieren. Dezentrale Strukturen ließen sich schwerer gleichzeitig ausschalten. Reparaturen seien schneller möglich, und lokale "Energieinseln" könnten im Notfall kritische Infrastruktur wie Krankenhäuser, Wasserwerke oder Heizsysteme weiter versorgen.
Eine solche nachhaltige Energieversorgung sei aber nicht kurzfristig umsetzbar.
Sie erfordere frühzeitige Investitionen und langfristige Finanzierungszusagen.
Für die Bundesregierung bedeute dies, die Unterstützung der Ukraine auch an
der Energiefront strategischer zu denken. Dazu gehöre auch die Frage, ob bei
den kommenden Haushaltsverhandlungen für das Jahr 2027 entsprechende Ausgaben
unter die "Hilfe für völkerrechtswidrig angegriffene Staaten" im Sinne
der Bereichsausnahme von der Schuldenbremse fallen könnte.