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"Der europŠische GrŸne Deal" ø ein dŸmmlicher Anglizismus

(aus ENERGIE-CHRONIK 191204)

 

Nach vollzogenem Brexit werden englische Muttersprachler innerhalb der EuropŠischen Union nur noch eine kleine Minderheit sein. UnabhŠngig davon bleibt Englisch aber die wichtigste der drei sogenannten Arbeitssprachen, weil die meisten EU-Dokumente erst einmal auf Englisch verfa§t werden, bevor sie auch in franzšsischer und deutscher Sprache erscheinen. Das liegt daran, dass sich die BŸrokraten und Politiker der EuropŠischen Union untereinander vor allem auf Englisch oder allenfalls auf Franzšsisch verstŠndigen. Deutsch spielt dagegen eine drittrangige Rolle, obwohl es innerhalb der EU die meistgesprochene Sprache ist. Nach dem Brexit tritt also der kuriose Zustand ein, dass Englisch faktisch als sprachliche Matrix fŸr Gesetze, Verlautbarungen und sonstige EU-Texte dient, obwohl in den jetzt noch 27 LŠndern der Gemeinschaft kaum jemand in dieser Sprache zuhause ist und nur wenige sie tatsŠchlich mŸhelos beherrschen.

Wohin das fŸhren kann, zeigt anschaulich der dŸmmliche Anglizismus "Der europŠische GrŸne Deal", mit dem die vom 11. Dezember datierte Mitteilung der Kommission in ihrer deutschen Fassung Ÿberschrieben ist (siehe 191204). Es handelt sich dabei um eine mi§glŸckte †bersetzung des englischen Begriffs "European Green Deal", der selber fragwŸrdig ist, weil das Wort Deal schon im Englischen ø je nach Kontext ø einen anrŸchigen Beigeschmack hat. Im Deutschen ist es als Anglizismus aber noch negativer konnotiert. Hier verwendet man es hauptsŠchlich fŸr zweifelhafte Absprachen, die frŸher als "Kuhhandel" bezeichnet worden wŠren. Schlimmstenfalls kommt einem der "Dealer" in den Sinn, der die Drogenszene mit Nachschub versorgt.

Der designierten deutschen KommissionsprŠsidentin Ursula von der Leyen hŠtte dieser Ausdruck deshalb sauer aufsto§en mŸssen, als sie am 10. September den "European Green Deal" als das wichtigste Projekt ihrer Amtszeit vorstellte. Zumindest hŠtte sie die schiefe †bersetzung "GrŸner Deal" verhindern mŸssen, die fŸr deutsche Ohren nach einem dubiosen Schachzug der GrŸnen oder einem unsauberen GeschŠft zu Lasten der Umwelt klingt. Schlie§lich will die EU-Kommission keinen Kuhhandel vorschlagen, sondern die leuchtende Vision einer EuropŠischen Gemeinschaft beschwšren, die weltweit den Vorreiter beim Klimaschutz macht. Was veranla§t sie also, dieses hehre Vorhaben in derart ungeschickter Weise vorzustellen? Wie kommt sie ausgerechnet auf das Wort "Deal", dessen schillernder Assoziationsgehalt sich in keine andere Sprache Ÿbersetzen lŠsst?

TatsŠchlich ist die deutsche Version der EU-Mitteilung die einzige, in der das Wort "Deal" umstandslos aus der englischen Fassung Ÿbernommen wird. Au§erdem taucht es noch in der niederlŠndischen und italienischen Fassung auf. Hier wird dann freilich der Ausdruck "Green Deal" als Ganzes Ÿbernommen ("de europese Green Deal" bzw. "il Green Deal europeo"). Ferner wird er durch Gro§schreibung als begrifflicher Fremdkšrper aus dem Englischen kenntlich macht. Nur die deutsche Fassung tut so, als ob es sich bei "Deal" um einen Ausdruck handele, der keiner weiteren ErklŠrung bedŸrfe. Nur hier erfolgt ein derart radikaler Griff in die Ramschkiste der Anglizismen. Dabei sind die Englischkenntnisse der NiederlŠnder sicher besser als die der Deutschen.

In den restlichen zwanzig Amtssprachen der EU taucht "Deal" Ÿberhaupt nicht auf. Die †bersetzer fanden auch keinen deckungsgleichen Begriff in der jeweiligen Landessprache. Ersatzweise verwendeten sie meistens ein Wort, das vom lateinischen "pactus" (†bereinkunft bzw. Vertrag) abgeleitet ist. Zum Beispiel wurde aus dem "European Green Deal" auf franzšsisch "le pacte vert pour l'Europe" . Auf spanisch heisst er"el Pacte Verde Europeao", auf portugiesisch "o Pacto Ecologico Europeu", auf dŠnisch "den europaeiske gronne pakt" oder auf rumŠnisch "Pactul ecologic european". Auch auf englisch wŠre es sicher sinnvoller gewesen, von einem "green pact" zu sprechen. Ebenso auf deutsch ø falls tatsŠchlich nur ein "grŸner Pakt" gemeint gewesen sein sollte.

EU-Kommission will auf Roosevelts "New Deal" anspielen, ohne dies allzu deutlich werden zu lassen


Klima-Demonstranten am 19. MŠrz 2019 in San Francisco: Ihre Forderung nach einem "Green New Deal" ist weltweit verstŠndlich und wird auch von europŠischen UmweltschŸtzern geteilt. Die EU-Kommission hat sie jedoch zum "GrŸnen Deal" verkŸrzt und damit ihres eigentlichen Sinns beraubt.
Foto: Wikipedia

Weshalb dann "Green Deal"? Was mag die EU-BŸrokraten bewogen haben, ausgerechnet diesen affektierten Ausdruck zu nehmen, der sich in keine andere Sprache Ÿbersetzen lŠsst? Haben sie sich Ÿberhaupt etwas dabei gedacht?

Ja, das haben sie. Das RŠtsel lšst sich nŠmlich, wenn man dem unansehnlichen Torso "Green Deal" noch ein kleines Wort hinzufŸgt, so dass daraus ein "Green New Deal" wird. ø Schon verwandelt sich das hŠ§liche Entlein in einen schšnen Schwan. Es bedarf sogar nicht einmal gro§er Englischkenntnisse, um weltweit den Sinn dieses Ausdrucks zu verstehen. Man muss nur in der jŸngeren Geschichte etwas bewandert sein. Das ist nun allerdings keineswegs selbstverstŠndlich. Als sinnfŠlliges Beispiel kann der Begriff "Schwarzer Freitag" dienen, der in Europa seit 1929 fŸr den Beginn der Weltwirtschaftskrise verwendet wird. Inzwischen ist er fŸr die meisten Menschen so verblasst oder noch nie vorhanden gewesen, dass es der Einzelhandelswerbung tatsŠchlich gelungen ist, den aus den USA importierten "Black Friday" auch hierzulande als "Schwarzen Freitag" mit SchnŠppchen-Preisen zu propagieren.

Der "New Deal", mit dem der neue US-PrŠsident Franklin D. Roosevelt vier Jahre nach dem "Schwarzen Freitag" auf die fortdauernde Weltwirtschaftskrise reagierte, war anfangs nicht mehr als ein unverbindliches Wahlversprechen. Es handelte sich um ein vages Schlagwort wie das "Yes, we can" von Barack Obama, das allzu gro§e Hoffnungen weckte. Roosevelt ist es dagegen tatsŠchlich gelungen, dem US-Kapitalismus und seiner marktradikalen Ideologie die allerschlimmsten GiftzŠhne zu ziehen. Seine sozialen Reformen im Innern schufen die Grundlage dafŸr, dass die USA nach au§en erfolgreich die Anti-Hitler-Koalition anfŸhren und ihr zum Sieg verhelfen konnten. Roosevelt war das genaue Gegenteil jenes Kretins, der gegenwŠrtig als US-PrŠsident amtiert.

Die EU hat sich Šhnliches vorgenommen, wenn sie nun weltweit den Vorreiter beim Klimaschutz machen mšchte, ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum ohne Ressourcenvergeudung anstrebt oder das Finanzsystem so umbauen mšchte, dass nicht nur die Plutokratie davon profitiert. Das sind durchweg lšbliche VorsŠtze. Damit gelŠnge eine Gro§tat, die sich mit Roosevelts "New Deal" vergleichen lŠsst. Mit etwas anderen Vorzeichen freilich, was die Rolle der USA dabei betrifft. Diese sind nŠmlich vom Motor zum Bremser geworden, und das nicht blo§ auf klimapolitischem Gebiet.

Im gedanklichen Vorgriff auf eine solche Wende ist der "Green New Deal" entstanden ø als Schlagwort und Wunschvorstellung von Teilen der weltweiten Umweltschutzbewegung. Und zweifellos hat die EU-Kommission sich von dieser Wunschvorstellung inspirieren lassen, als sie nach einer passenden †berschrift fŸr das suchte, was sie jetzt in ihrer Mitteilung prŠsentiert. Allerdings blieb vom "New Deal" nur ein ganz banaler "Deal" Ÿbrig. Das ist nicht nur eine VerkŸrzung. Der ganze Begriff verliert damit seinen eigentlichen Sinn. Er wird so mi§verstŠndlich und mehrdeutig, als wŸrde man aus dem "New Testament" ein blo§es "Testament" oder gar "Testimonial" machen.

Weshalb das passiert ist, bleibt weiterhin rŠtselhaft. Hat die EU-Kommission etwa Angst vor der eigenen Courage bekommen? Wollte sie den Mund nicht zu voll nehmen angesichts der vielen Probleme, die es schon bisher mit der Erreichung der europŠischen CO2-Minderungsziele gibt? Oder waren es diplomatische †berlegungen? Wollte sie vielleicht das angespannte VerhŠltnis mit den USA nicht noch mehr belasten, indem sie sich zum Zentrum des weltweiten Widerstands gegen die Klimaschutz-Bremser in Washington erklŠrt? Oder bangte ihr speziell davor, den Halbirren im Weissen Haus und dessen Republikanische Partei allzusehr zu reizen, wenn sie eine glorreiche Parole aus dem Fundus der Demokratischen Partei Ÿbernimmt?

Wie auch immer: Sie hŠtte die gedankliche Anleihe bei Roosevelts "New Deal" entweder konsequent durchfŸhren oder ganz darauf verzichten mŸssen. Was jetzt dabei herauskam, ist nur sprachlich-begrifflicher Schrott.