Menetekel USA


 

Über einer zentralen Kreuzung von San Jose errichtet, sollte dieser "electric tower" die ganze Innenstadt erhellen (links). Im Sommer 1881 wurde mit der Errichtung der künstlichen Sonne am nächtlichen Himmel begonnen (Mitte). Doch die Physik war stärker: Weil die Helligkeit nach wie vor im Quadrat der Entfernung abnahm, reichte es am Ende nur zum illuminierten Stahlgerüst (Postkarte von 1910 rechts).

Erleuchtung von oben

Die "electric towers" waren zwar keine brauchbare Lichtquelle, setzten aber dem amerikanischen Fortschrittsoptimismus ein leuchtendes Denkmal

Die für das US-Bewußtsein typische Verquickung von wissenschaftlich-technischem Fortschritt mit abgründiger Unvernunft fand ihre Materialisierung in den "electric towers", die Ende des 19. Jahrhunderts in etlichen Städten geplant und zum Teil sogar errichtet wurden. Ein solcher Lichtturm stand von 1881 bis 1915 im kalifornischen San Jose. Er war 63 Meter hoch - einschließlich des Fahnenmastens sogar 72 Meter - und erhob sich genau über einer Straßenkreuzung, so daß der Verkehr unter ihm hindurch fluten konnte. Eine Batterie von sechs Bogenlampen an der Spitze des Turms sollten die ganze Innenstadt erleuchten.

Bogenlampen waren damals die stärkste aller Lichtquellen. Mit ihren weißglühenden Kohle-Elektroden, zwischen denen ein Lichtbogen übersprang, erzeugten sie ein überaus helles Licht. Sie wurden deshalb seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowohl in Europa als auch in den USA vereinzelt zur Beleuchtung von besonders prominenten Straßen und Plätzen verwendet. Sie waren aber sehr störanfällig und erforderten einen hohen technischen Aufwand für die Stromerzeugung. Es gab noch keine andere elektrische Lichtquelle. Die Glühbirne kam erst gegen Ende des Jahrhunderts auf.

Bogenlampen erzeugten zwar im Vergleich zu den bisher verwendeten Gaslaternen eine enorme Helligkeit, doch war diese Lichtfülle kaum zu dosieren und zweckmäßig einzusetzen. Deshalb entspann sich eine Diskussion um die "Teilung des Lichts". Sie hatte große Ähnlichkeit mit der Diskussion um die "Teilung der Kraft", die damals ebenfalls die Techniker bewegte und die möglichst sinnvolle Ausnutzung der Kräfte zentraler Dampfmaschinen betraf. Aber im Unterschied zur Kraft der Dampfmaschinen konnte das Licht der Bogenlampen nicht durch mechanische Transmission an andere Stellen geleitet und verteilt werden. Erst die Glühlampe ermöglichte den dezentralen Einsatz elektrischen Lichts.

Diesem Dilemma verdankte die "high light theory" ihre Entstehung. Sie durchhieb den gordischen Knoten des Problems auf amerikanische Weise, indem sie nicht auf die Teilung des Lichts, sondern auf die höchstmögliche Konzentration des Lichts setzte: Eine künstliche Sonne aus Bogenlampen, am nächtlichen Himmel hoch über der Stadt plaziert, sollte alle Straßenlampen überflüssig machen. Wenn man heute von "highlights" spricht, um einen "Höhepunkt" zu bezeichnen, schwingt darin diese "high light theory" mit.

Insgesamt sind mindestens vier solcher Türme in Städten der USA gebaut worden, obwohl sie allenfalls ihre nähere Umgebung erleuchteten und man schon damals wissen konnte, daß die Helligkeit im Quadrat der Entfernung abnimmt. Es war ein typisch amerikanischer Traum, die künstliche Sonne am nächtlichen Himmel aufzupflanzen, kaum daß die Beleuchtungstechnik den Gaslaternen zu entwachsen begann. Mit seinem Glauben an das technisch Machbare erinnerte er an den neueren Traum des SDI-Projekts, das den Amerikanern einen angeblich lückenlosen "Schutzschild" gegen feindliche Raketenangriffe verhieß.

Die sogenannte öffentliche Meinung trug entscheidend dazu bei, der unvernünftigen Sache zum Durchbruch zu verhelfen. In Fall des "electric towers" von San Jose war die öffentliche Meinung der Herausgeber des "San Jose Daily Mercury", der sich im Mai 1881 mit seinem Blatt für die Errichtung eines solchen Turms stark machte. Von ihm stammte auch die Idee, den Turm direkt über einer Straßenkreuzung zu plazieren. Schon im Juni waren das Geld und die Erlaubnis für die Bauarbeiten beisammen. Im August wurde das Fundament gelegt. Im Dezember war der Turm fertig. An der Spitze trug er sechs Bogenlampen, deren Licht ein Reflektor auf die Innenstadt von San Jose lenken sollte.

Die Gesetze der Physik widerstanden aber dem amerikanischen Fortschrittsoptimismus und sorgten weiterhin dafür, daß die Helligkeit im Quadrat der Enfernung von der Lichtquelle abnahm. Weder konnte der Licht-Turm die Gasbeleuchtung ersetzen noch seine unmittelbare Umgebung hinreichend erhellen. Ab 1884 wurden die Dynamo-Aggregate zur Stromversorgung der Bogenlampen nur noch an Wochenenden und zu besonderen Gelegenheiten angeworfen. Später ersetzte man die Bogenlampen durch Glühlampen und bestückte auch das Metallgerüst mit Glühlampen. Als illuminierter Stahlgittermast blieb der "electric tower" immerhin eine Sehenswürdigkeit, bis 1915 die angerostete Konstruktion unter einem Sturm zusammenbrach.

Der europäische Elektrizitäts-Kult behielt die Bodenhaftung

Auch in Europa findet sich zu dieser Zeit ein regelrechter Elektrizitäts-Kult. Auf zeitgenössischen Firmenwerbungen, Ausstellungsplakaten usw. wimmelt es von Frauengestalten, welche die Elektrizität verkörpern sollen und in Prometheus-Pose das elektrische Licht vor der Finsternis erstrahlen lassen. Auf einem solchen allegorischen Gemälde aus dem Jahre 1883, "Das elektrische Licht" betitelt, hält die barbusige Elektrizität in der einen Hand das strahlende Licht und in der anderen die dazugehörige Batterie, während zwei Putten zur Linken und zur Rechten miteinander telefonieren. - Eine abgeschmackte Modernisierung vertrauter Mythologie, die Bände spricht vom gründerzeitlichen Bewußtsein. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität wurde jedoch nicht verwischt. In der Realität erfolgte die Elektrifizierung der Straßenbeleuchtung ohne allen Überschwang, im Rahmen des technisch Möglichen, und nicht selten sogar gegen den Widerstand der Hausbesitzer.

Es blieb Amerikanern vorbehalten, den neuzeitlichen Mythos des elektrischen Lichts in den "electric towers" zu materialisieren. Diese Lichttürme waren mehr ein leuchtendes Denkmal des Zeitgeistes als ein tatsächlich funktionierendes Gebilde. Sie waren ein Bestandteil des "american dream", wie er in den Schlußversen eines Gedichts auf die Eröffnung des "electric tower" in San Jose zum Ausdruck kommt:
 

Since "God is Live", and "God ist Love"
And God is "lenghts of days,"
We hail the light as from above,
To cheer our earthly ways.

 

Das "Licht von oben" gewinnt in diesem Vers göttliche Qualität, so profan und funzelig es sein mag. Zur Profanierung des Spirituellen als Merkmal amerikanischer Religiosität gesellt sich hier die spirituelle Überhöhung des Profanen.
 

Noch ein Mythos: Der Eiffelturm wurde den USA gestohlen

Nachbildung des "electric tower" in halber Größe im Museum von San Jose

Übrigens hält sich in den USA bis heute hartnäckig die Legende, daß die Pläne für den "electric tower" in San Jose von den Franzosen gestohlen und acht Jahre später für den Bau des Eiffelturms in Paris verwendet worden seien. Da beide Bauten weder von der Form noch von der Größe her viel gemein hatten, gehört zu einer solchen Behauptung viel Phantasie. Dennoch liest man beispielsweise in einer im Internet (33) verbreiteten Chronik: "1881: Spies from Paris, France visit San Jose und steal the plans of San Jose's tower. The plans find their way to Alexandre Gustave Eiffel."

Im Jahr 1989 fand in San Jose sogar ein Tribunal statt, bei dem die Stadt Paris auf Schadenersatz für die seit hundert Jahren andauernde Verletzung der Urheberrechte am Eiffelturm verklagt wurde. Zum Glück für die angeklagten Franzosen erkannte das Gericht, daß der "electric tower" in San Jose und der Eiffelturm in Paris unabhängig voneinander entstanden seien. Auch handelte es sich nur um ein "historisches Tribunal" ohne rechtliche Bedeutung. Angesichts mancher bizarren Erscheinungen des amerikanischen Rechtswesens läßt sich aber nicht mit letzter Sicherheit ausschließen, daß ein solcher Prozeß auch vor einem regulären Gericht stattfinden könnte...

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