Psychologie

Das Leib-Seele-Problem

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Die dynamische Seele

Herbarts "Mechanik des Geistes"

Für eine materialistische Sichtweise mußte der Weg zur Psychologie über das Studium der Sinnesorgane bzw. die Physiologie führen. Dies war allerdings ein sehr langer und komplizierter Weg, da sich der damalige Materialismus die Psyche nur als eine Art Stoffwechselprodukt vorstellen konnte. Das galt erst recht, nachdem Hermann Helmholtz 1847 den Nachweis führte, daß der menschliche Organismus seine Energie von außen schöpft. Damit war die vitalistische Auffassung widerlegt, derzufolge die Lebewesen von einer besonderen inneren Kraft in Bewegung gehalten bzw. "beseelt" sein sollten.

Die physikalisch-chemische Methode, die Helmholtz so erfolgreich auf die Erforschung der Sinnesorgane anwandten, mußte vor dem Problem des Bewußtseins versagen. So unterstellte Helmholtz zwar eine kausale Beziehung zwischen äußeren Reizen und der durch die Nerventätigkeit hervorgerufenen Welt der Empfindungen; zugleich deutete er diesen Zusammenhang aber rein mechanistisch. Die Empfindungen galten ihm nicht als Widerspiegelung objektiver Eigenschaften des reizauslösenden Gegenstandes, sondern als ein Produkt der inneren Nerventätigkeit, das lediglich durch den äußeren Reiz veranlaßt wird. - Wie ein Bild-Projektor, der in seinem Magazin beliebige Abbildungen enthält, die auf Knopfdruck in Aktion treten.

Das Festhalten an einer physiologischen Betrachtungsweise führte den Forscher in diesem Fall entgegen seiner Absicht und Überzeugung auf das Gebiet der Psychologie. So hat Hea?lmholtz als erster die Fortpflanzungsgeschwindigkeit von Erregungen innerhalb des Nervensystems erforscht und damit die Grundlage für ein Hauptgebiet der späteren experimentellen Psychologie gelegt, die Erforschung der Beziehungen zwischen Reiz und Reaktion. (1)

Herbart unterwirft die Seele dem Planquadrat der Vernunft

Weit kürzer gestaltete sich der Zugang zum Psychischen für eine idealistische Betrachtungsweise. Da für sie der "Geist" von unzweifelhafter, wenn auch nicht-stofflicher Realität war, lag es nur nahe, ihn wie die stoffliche Welt auf seine innere Gesetzmäßigkeit zu untersuchen. So versuchte der Philosoph Johann Friedrich Herbart (1776-1841), auch den Bereich des Psychischen dem Planquadrat der Vernunft zu unterwerfen. Seine mathematisch inspirierte "Mechanik des Geistes" entwickelte er in verschiedenen Werken wie dem "Lehrbuch der Psychologie" (1816), "Psychologie als Wissenschaft, neu begründet auf Erfahrung, Metaphysik und Mathematik" (1824/25) und "Über die Möglichkeit und Notwendigkeit, Mathematik auf Psychologie anzuwenden" (1822).

Die Seele selbst hat in Herbarts Metaphysik eine ähnliche Qualität wie das ewig unerkennbare "Ding an sich" in Kants Philosophie (gegen die er sich im übrigen wendet). "Das einfache Was der Seele ist völlig unbekannt und bleibt es auf immer", postuliert er in seinem "Lehrbuch der Psychologie". Gegenstand der Forschung könnten lediglich die "inneren Zustände" der Seele, ihre "Selbsterhaltungen" und "Vorstellungen" sein. Diese würden im Wege von "Druck und Gegendruck" hervorgerufen, sobald die "Wesen" in Gestalt von Menschen, Tieren und Pflanzen - bemerkenswerterweise aber auch eine "solche Materie, wie man sie durch Chemie und Mechanik kennt" - zueinander in Beziehung träten. Herbart gelangt so zu einem dynamischen Modell der Seele. Beispielsweise kommt es zu Affekten, "wenn das ganze Quantum des wirklichen Vorsta?ellens im Bewußtsein entweder größer oder kleiner ist, als es nach dem statischen Gesetz bleiben kann". Diese Affekte "wirken auf den Leib mit merklicher, oft gefährlicher Gewalt und machen eben dadurch rückwärts wieder den Geist vom Leibe abhängig". Seelische Krankheit erklärt er in diesem Sinne mit der "partiellen Umkehrung gewisser Gemütszustände auf bestimmte Organe", als "Angriff auf den Geist, der vom Körper ausgeht". Er unterstellt somit eine Wechselwirkung zwischen Seele und Leib, wobei jedoch das Psychische das Primäre ist. Entsprechend hat sich die Physiologie seiner Psychologie und der damit verbundenen Metaphysik einzuordnen: "Die Psychologie vollends durch Physiologie beherrschen zu wollen, heißt das Verhältnis beider Wissenschaften gerade umkehren; ein in neueren und älteren Zeiten häufig begangener Fehler."

Vorwegnahme der Freudschen Seelen-Mechanik

Herbarts quantifizierendes, dynamisches Verständnis seelischer Prozesse enthielt ebenfalls wichtige Impulse für die spätere naturwissenschaftliche Psychologie. Zugleich lieferten die Beschränktheiten seiner "Mechanik des Geistes" aber auch das Paradigma für psychologistische Auffassungen. Vor allem die spätere Psychoanalyse ist in wesentlichen Zügen deckungsgleich mit dem von Herbart entworfenen Modell der Seele, wie Maria Dorer in ihrer klassischen Arbeit über "Die historischen Grundlagen der Psychoanalyse" nachgewiesen hat. Schon acht Jahrzehnte vor Freuds Theorien sind in Herbarts Psychologie alle wesentlichen seelischen Abläufe des psychoanalytischen Modell. vorweggenommen. Die Apperzeption, Assoziation und Reproduktion von Bewußtseinsinhalten, ihr Steigen oder Sinken, ihr Dunkler- oder Hellerwerden, ihre Hemmung, Verdrängung oder Förderung sind Grundvorstellungen der Herbartschen wie der Freudschen Psychologie. Dem "Unbewußten" entspricht a?bei Herbart die "mechanische Schwelle", dem neurotischen Konflikt der "eingeklemmte Affekt". Noch der "Todestrieb", den Freud später in Ergänzung seiner Theorie dem "Lebenstrieb" gegenüberstellte, entspricht dem steten "Streben zum Gleichgewicht" in Herbarts Physik und Mechanik der Seele. (2)

Der wesentliche und bezeichnende Unterschied zwischen Herbart und Freud besteht hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Affekten und Vorstellungen. Während für Herbart Affekte, Triebe und Vorstellungen als Äußerungen ein und derselben psychischen Kraft gelten, spielen bei Freud die Affekte eine eigenständige, durch die Kraft der "Libido" konträre Rolle gegenüber den Vorstellungen. Bei Herbart sind die "Triebe" sozusagen die dynamische Seite des Geistes. Bei Freud verselbständigen sie sich zum Gegenspieler des Geistes. Diese Hinwendung vom Geist zum Trieb als beherrschendem Moment der Seele ist äußerst aufschlußreich. Herbarts Vorstellungs-Dynamik entspricht noch dem luziden Geist des objektiven Idealismus. Dagegen entspricht die Trieb-Dynamik der Psychoanalyse dem Irrationalismus und Voluntarismus in Gestalt des Neukantianismus und der Lebensphilosophie.

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